Interrete Vitae

Mein Portfolio

 

Schon von Kindheit an Gedichte und Kurzgeschichten schreibend, immer auf der Suche nach den Nuancen der menschlichen Sprache.

Ein nicht ganz einfacher Mensch, gesundheitlich einmal mächtig hingefallen und wieder aufgestanden, immer wissbegierig und neugierig in die Welt schauend, viel lesend, noch mehr zuhörend, einen Standpunkt habend, mit beiden Beinen im Leben stehend, streitbar, aber nicht verletzend, liebend und nie hassend, alles beobachtend und den Zusammenhang suchend, seine Nase schnüffelnd und suchend in viele Gebiete des Lebens steckend, das Leben in allen Facetten suchend und auskostend.

Logopäde, Elektroniker, Programmierer, Genießer, Ehemann.

 

Liebt das Wasser, die Wellen, den Wind, den Sturm, Salzwasserspritzer auf der Brille, das Stampfen des Motorseglers bei aufgeregter See, das Angeln auf dem Meer, die lautstarke Unterhaltung der Möwen, das Lächeln der Quallen, wenn sie ihn an der Wasseroberfläche anschauen, bereist in seiner Freizeit die ganze Welt, immer zusammen mit seiner besseren Seite, bewundert besonders die skandinavischen Länder in ihrer natürlichen Rauheit und die da lebenden sehr feinfühligen Menschen, die Einsamkeit der Unterhaltung mit seiner inneren Stimme, der er zu wenig zuhört, und die Kritiken seiner Frau.

Übersicht meiner Bücher




Exposé

 

D10 weniger Januar

 

Gram van Gummban ist Logopäde, Ende der Fünfzig, der in eigener Praxis im flachen Land des Nordens mit einigen Angestellten seinem Beruf nachgeht. Sein Leben verläuft in eingefahrenen Bahnen, das heißt, er weiß am Montag schon, wie jeder Tagesablauf, Montag bis Freitag, aussieht und wer am Samstag Abend zu Besuch kommt. Er lebt zusammen mit einer eher oberflächlichen Freundin, die ihn nicht besonders anzieht, aber an die er sich aus Bequemlichkeit gewöhnt hat. Diese Monotonie wird durch die Übernahme eines Privatpatienten unterbrochen, der ehemals ein hoher Mitarbeiter des Innenministeriums war und durch dubiose Umstände einen Schlaganfall erlitten hat. Getrieben durch den wesentlich höheren Abrechnungssatz eines Privatpatienten übernimmt er die erbetene Therapie und wird sehr schnell in einen Strudel von Ereignissen gezogen, die im direkten Zusammenhang mit der ehemaligen Tätigkeit seines Patienten stehen. Dieser Privatpatient, Dr. Blumenbaum, war mit höchst interessanten und vertrauensfordernden ministeriellen Aufgabengebieten betraut, die ihn zu einer Person werden ließen, die auch ein geheimes Projekt betreute, das sich inoffiziell mit dem Nachbau eines Chronovisor des Paters Pellegrino Maria Ernetti beschäftigte, also eines Gerätes, welches in der Lage ist, die so genannte Akasha-Chronik anzuzapfen, damit alles Geschehene zu offenbaren und bildlich wiederzugeben. Damit ist das Interesse von Konzernen, Regierungen, schillernden Privatpersonen und einer Anzahl von Geheimdiensten erregt. Schnell muss Gummban erkennen, dass er nur als Therapeut auserwählt wurde, weil er als wesentlich fähiger als seine Vorgänger eingestuft wurde und seine einzige Aufgabe darin besteht, aus dem stark sprach- und verständnisbehinderten Dr. Blumenbaum den Lagerungsort des letzten benötigten Teiles zum Zusammenbau des gesamten Gerätes in Erfahrung zu bringen.

Im Verlauf der Geschehnisse begegnet er Personen, wie dem hyperreichen McCoy, der das Gerät um jeden Preis haben möchte, um zu erfahren, warum er einen Angelwettbewerb in Norwegen verloren hat, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich zu Ziel gesetzt haben, den Chronivisor aus angeblich wissenschaftlichem Interesse neu entstehen zu lassen, einer Anzahl von Mitarbeitern von Geheimdiensten, die im Interesse ihrer Länder agieren, Vertretern unterschiedlicher internationalen Interessengruppen, korrupten und gehorsamen Staatsdienern, einige übernommen aus der ehemaligen Staatssicherheit der DDR, die ihre eigene Karriere auf Kosten von Mitarbeitern planen, Personenschützern, die im Auftrag von McCoy seine Sicherheit und die seiner Freundin gewährleisten sollen, einem hohen Vertreter des Vatikans, der im persönlichen Auftrag des Papstes sich um das Fortbestehen der Menschheit sorgt und mit allen Mitteln versucht, Gummban von der Glaubwürdigkeit des Papstes zu überzeugen, indem er ihm die wahre Bedeutung des Gerätes klar zu machen versucht, nämlich die, mit der wahrheitsgetreuen Wiedergabe des Geschehens aller Sekunden der Menschheitsgeschichte, verbundenen Gefahr der Vernichtung der gesamten Zivilisation, und vielen, die ihm direkt oder indirekt helfen. Einen genialen Mitstreiter zum Finden des fehlenden Teiles hat er durch Zufall in dem international bekannten und etwas exaltierten Kryptographieexperten Walther. Dieser hat einen Halbbruder, der über die pathologische Eigenart verfügt, alles, was er in seinem Leben einmal gehört, gesehen, gerochen und gefühlt hat, nicht mehr zu vergessen und zu jeder Zeit detailgenau zu rekapitulieren.
Immer mehr bildet sich bei Gummban eine Persönlichkeit heraus, die versucht, trotz aller Widrigkeiten und manchmal tödlicher Ereignisse ein Mensch zu sein, der an den Umständen wächst und am Ende die richtige Entscheidung betreffs der Weiterexistenz des Chronovisors trifft.

 

 

Exposé

 

Schnopfen, Quiller und andere Gesellen

 

Endlich haben der Qwiller Hommel und die Schnopfe Hemmel die Erlaubnis vom Hohen Mogolhaufen, eine Forschungsreise durch die unterschiedlichen Wohn- und Grenzschichten der Erde bis zur Oberfläche durchzuführen. Auf der Erdoberfläche lernen sie die kleine Große Sophie Triebsch kennen, da sie vor Neugierde durch die Wand in ihr Kinderzimmer gelangen. Auf ihrer Reise, der sich auch der zänkische Zwerg Warzel anschließt, lernen sie die unterschiedlichsten Wesen kennen. So Rirmzl, einen Rattenanführer, Mago, den Weissager, den Abgeordneten des Großen Mogohaufens und Verräter Günter, Amlia,Tochter des Abgesandten Huta, die auf ewig im Nichts lebt, das von Hor verwaltet wird, den Leser aus dem Leeren Buch, lernen die Konflikte zwischen Quiller, Schnopfen, Zwergen, Menschen und Tieren kennen und sind an der Vorbereitung der Wiedervereinigung der Wohnschichten der Erde beteiligt.

Zusammen mit dem Abgesandten Okke Wal, der gleichzeitig der Vermieter der Wohnung ist, in dem Sophie Triebsch mit ihren Eltern wohnt, versuchen sie das Wirrwarr von Desinformation und Intrigen zu verstehen und zusammen mit anderen das Erinnerungswort zu finden, um den von den Ahnen aller Völker ausgearbeiteten Vereinigungsplan zu bekommen.

Da Hommel ein etwas unbesonnener und impulsiver Forschungsreiseleiter ist, bleiben Zwischenfälle, die die anderen Teilnehmer in fast unlösbare und manchmal auch gefährliche Situationen bringt, nicht aus. So zum Beispiel verfällt er durch eine unwirsche Reaktion in die so genannte Zwergenstarre, deren Heilung die anderen zu wahren Hochleistungen veranlasst.

Seine Partnerin Hemmel hingegen ist eine überlegte und übervorsichtige Schnopfe, die immer bemüht ist, die Wogen zwischen ihrem Hommel, dem streitbaren Zwerg Warzel und anderen zu glätten.

Im Verlauf der Reise entwickelt sich eine verlässliche Freundschaft zwischen den Teilnehmern, die auch so manchen Streit verträgt, wobei Hommel durch puren Zufall eine besondere Verantwortung übertragen wird, an der er zu einem überlegt handelnden Qwiller wächst.

 

 

Exposé

 

Der Weiße und Brikett

 

'Der Weiße', mit bürgerlichem Namen Hans Hansen, und 'Brikett', mit bürgerlichem Namen Absolem Cagibi, beides Kriminalhauptkommissare in der kleinen norddeutschen Stadt Schleswig, werden durch aufgeregte Anrufe eines Horst Wieland darüber in Kenntnis gesetzt, dass Archäologen in der Nähe gerade ihrer Stadt ein beachtenswertes Skelett ausgegraben haben. Diese Anrufe wertet Hans Hansen als Witz und beachtet sie nicht weiter.

Kurz darauf werden beide Beamte durch ihren Chef im Rahmen einer Besprechung darüber informiert, dass in dieses Ausgrabungsgebiet eingebrochen wurde und Unterlagen sowie Fundstücke gestohlen seien. Die Aufklärung wird von höherer Stelle als wichtig und dringend empfohlen, da der von Hansen als Witzbold eingestufte Anrufer nun auch tot in der Nähe des Ausgrabungsfeldes gefunden wurde.

Im Laufe der Ermittlungen kommen beide Beamte einer international agierenden Gruppe auf die Spur, die an genetischen Versuchen mit nur einem Ziel beteiligt ist: Eine Ordnungsgruppe entstehen zu lassen, die fast unbezwingbar sein soll. Da sich beide Kriminalisten an ihren Diensteid gebunden fühlen, versuchen sie hartnäckig den Fall restlos aufzuklären, was bei vielen an den Versuchen Beteiligten auf harte Ablehnung stößt. Selbst als Cagibi und Hansen zeitweilig vom Dienst suspendiert werden, geben sie nicht auf.

Sie kommen mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt, die sie konkret, im Hintergrund oder nur scheinbar unterstützen und müssen erfahren, dass eine Staatsraison existiert, die weltweit gnadenlos regulierend eingreift.

 



Leseprobe

 

Ich war noch nie in Immenstedt

(Zur Zeit am Entstehen)

 

Es war diese geteilte Scheibe, die mich fast magisch zwang stehenzubleiben, ungeachtet der drängelnden und schubsenden Menschen, die nicht begreifen wollten und konnten, dass jemand ruckartig stillsteht und über die Straße stiert, warum er dem Drängeln und Stoßen nicht nachgibt, sich wieder einzureihen in den hektischen Trott des modernen Lebens, noch dazu, weil nicht passiert war, was auch andere dazu bewegen könnte einzuhalten. Kein Unfall, keine Schlägerei, kein Blut, noch nicht einmal ein lauter Streit, nichts, was es lohnen würde, den Blick zu heben, um wahrzunehmen, zuzuhören, hinzusehen.

Diese geteilte Scheibe hatte eine Erinnerung von ganz unten hochkommen lassen, eine, die schon lange verschüttet war vom Müll der vergangenen Jahre, vom Erleben dessen, das ich als Leben ansah, an eine Tür, mit drei senkrechten Scheiben, deren linke genauso geteilt war wie diese.

Wie kommt eine geteilte Scheibe in eine stark frequentierte moderne Straße einer der modernsten Städte der Welt, die so viel Glas hat. So viel funkelndes Licht, reflektierendes, Wärme abweisendes oder absorbierendes, in tausend Farben erstrahlendes, schillerndes, flaches, gewölbtes, geriffeltes, bemaltes, gelötetes, spiegelndes Glas, wo ganze Häuser aus Glas erbaut worden sind, wo Glas als Allzweckbaustoff dient. Man trinkt daraus, läuft darauf, schaut durch und an, beleuchtet oder verdunkelt damit, und hier an dieser Tür, die ein halbkreisförmiges Oberlicht besitzt, das zum Türrahmen gehört und sich nicht mitöffnet, sollte man diese Tür aufmachen wollen, hier existiert eine geteilte Scheibe, eine durchgeschnittene und aneinander gefügte zweiteilige Scheibe.

Es ist eine dieser alten Holztüren mit vielen kleinen Glasscheiben, deren Putzen so aufwendig ist, dass es nur selten gemacht wird und deren Glasglanz mattig ist, wegen des abgelagerten Staubes. Diese Türen besitzen Rahmen aus richtigem Holz, nicht versiegeltem, richtigem Holz, das gepflegt werden will. Alles, was lebt, will gepflegt werden, muss gepflegt werden. Holz stirbt nicht. Ein Baum stirbt. Das Holz lebt weiter, es atmet, es hustet, es schimpft, es knarrt, es reckt und streckt sich, bei Zufriedenheit, es wirft Falten, wenn es sich ärgert, und es duftet noch nach Jahrhunderten, zu jedem Anlass anders, anders zu jeder Jahreszeit, anders bei jedem Besitzer.

Dieses Türholz war gestrichen worden, dunkelgrüner Lack. Nachgedunkelt mit den Jahren, dunkelgrüner Lack, nicht von einem Fachmann aufgetragen, eher von jemanden, der weiß, wie Holz behandelt werden müsste, der aber nicht so recht die Hand führen konnte, um sein Wissen umzusetzen. Darum sind die Ränder der Türglasscheiben auch mitbedacht worden, ist der Pinsel in leichtem Abrutschen auch über das Glas gefahren, so, als ob er die Zusammengehörigkeit dieses Rahmens mit dem Glas unterstreichen wollte. Dieser jemand wusste auch nicht, dass man vor dem Streichen die Schlossabdeckungen abschraubt, um sie zu schonen. So hatte der Pinsel auch hier in seiner verbindenden Fahrigkeit für ein Miteinander gesorgt und dunkelgrüne Verbindungspuren hinterlassen.

Diese geteilten Scheiben zeugten zu der Zeit, in der meine so tief liegende Erinnerung entstand, von Mangel und Sparsamkeit. Die Glasscheiben, die zersprangen, gerissen durch zugeschlagene Türen, als Folge von Zugluft unachtsam geöffneter Fenster, durch das Zuschlagen im Zorn eines Streites, als letztes Argument, da Worte nicht mehr gehört, deren Sinn nicht mehr verstanden wurde, und nur noch der Enttäuschung Ausdruck gegeben werden soll, dass es nichts genutzt hat zu streiten, der Wortwechsel nichts gebracht hat, die eigenen Argumente überhört, nicht gehört worden sind, die anderen ebenso unverstanden verhalten. Mit leisem Klirren reagierte die Scheibe, reagierte das Material Glas, das von Werkstoffkundigen als unterkühlte Schmelze bezeichnet wird, die immer noch flüssig ist, auch in Jahrhunderten noch, nachzusehen und nachzumessen an uralten Kirchenscheiben, die am unteren Ende deutlich dicker sind, als am oberen Anfang, panta rhei, alles ist in Bewegung, alles fließt, auf unserer Welt von oben nach unten, der Schwerkraft folgend, oben wird es dünner. Komisch, beim uralten Glas und in der aktuellen Politik. Ob daher dieser Spruch kommt oder von der Luft auf hohen Bergen, abgewandelt auf das Gefühl, auf die Gegebenheiten in hohen Leitungsebenen, auf Regierungsebenen, auf Familienvorstände, auf oben.

Ist es bei Gott auch dünner oder besonders dünn?

Es kann aber auch ein Jungenfußball gewesen sein, der, gegen die Tür geschossen, diese so erschütterte, dass die Scheibe sprang, oder eine Steinschleuder, gezielt auf die Waden der Mädchen, getroffen die Scheibe, die bösartig klingend zersprang, mittendurch, ein Riss, zwei Teile. Die Scheiben wurden aus dem Kitt genommen, ja, Kitt, ein Werkstoff der zu rund 85 Prozent aus Schlämmkreide und 15 Prozent aus Leinölfirnis besteht, nicht Silikon aus der Tube, der auch, als in Formen gepresste Wunderteile, den bedeutenden Frauen dieser Erde durch Implantation in ihre Brüste noch bedeutendere Ausdrücke verleihen sollen, oder Männern, untergeschoben in den Hohlraum, der entstanden ist durch massive Fettabsaugungen und nun eine Bauchdecke formen soll, die nicht dem Alter, wohl aber der Vorstellung eines adonischen Körpers entspricht. Ganz einfach Kitt, Öl und Kreide, vermischt, geknetet zu einem klebrigen Brei, der seit Urzeiten dazu dient, Glas im Holzrahmen zu halten, wasserdicht zu machen, half, Stürme zu widerstehen, Regen abzuweisen, dem Glas die geschmeidige Bewegung seiner selbst zu gestatten, die keiner so richtig sieht, die aber da ist, sonst würde die Schmelze brechen. Eigentümlich, etwas Flüssiges bricht. Aber es gibt so viele Eigentümlichkeiten auf dieser Welt. Silikon gestattet das dem Glas nicht, gestattet ihm sein Leben nicht, federt selbst und klebt die Glasscheibe fest, ohne ihr zu gestatten, für sich selbst zu sorgen. Der Rahmen wurde gesäubert, der alte Kitt rausgeschabt, die gesprungene Scheibe gerade geschnitten, mit Lineal und Glasschneider, solcher, der ein Stahlrädchen hatte zum Anritzen oder einen Industriediamanten, auf den ich als junger Dachs so scharf war, stand doch Diamant für Wert, viel Geld und Ansehen. Nach dem Ritzen wurde die Glasscheibe dann über einer Tischkante gebrochen, der Abfall weggeworfen und eine andere gesprungene Scheibe aus dem Keller geholt, wo viele, entstanden aus unendlich vielen dummen Vorfällen, gelagert wurden, um zu dienen als Ersatzteil, als Ergänzung. Diese wurde zugemessen in der Größe des jetzt fehlenden Stückes, ebenfalls zugeschnitten, gebrochen, und beide Teile im Rahmen aneinander gefügt, eingebettet in neuen Kitt, als neue Scheibe. Arbeitete man genau, war man ein Meister des Handwerks, alle, die so hantierten, waren es, und setzte man beide Stücke Glas exakt aneinander, war es fast eine neue Scheibe, nur geteilt durch einen fast nicht zu erkennenden Haarriss an der Stelle des Zusammenfügens, einen Strich auf der sonst intakt anzusehenden Scheibe, so, als ob jemand mit Bleistift und Lineal eine Trennung auf das Stück Glas gemalt hätte, zum Ausprobieren, ob Bleistift auf Glas schreibt. Jungen kommen manchmal auf solche Einfälle, um die Welt zu erkunden, manche nennen es Unfug, ich nenne es so. So sparte man Glas und Geld, was beides nicht so üppig vorhanden war. So war es auch hier geschehen.

Vor langer Zeit, als diese Straße noch eine Straße war, auch mit mächtig wichtigen Leuten, die nie Zeit hatten und eilten, auch mit Verkehrsmitteln, in denen noch kassiert wurde von Schaffnern mit umgehängtem Wechselgeldbehälter und einem Fahrscheinblock, deren Zettel bedruckt waren mit farbigen Bezeichnungen der Linie, dem Namen des Schaffners, dem Namen des Unternehmens, dem Preis, als noch Geschäfte die Straße säumten, in denen man einkaufen konnte, beraten und begleitet von Verkäufern, deren Ziel es war, zufriedene Kunden zu bedienen, die nicht gehetzt waren von Umsatzraten und Erfolgszwängen, deren Lächeln und Reden von echter Menschlichkeit zeugten und nicht von antrainierten Freundlichkeitsreflexen, vermittelt von textil- und hautfaltenfreien, unnatürlich bodygeformten Trainern, die selbst entstanden waren durch eine Maschinerie im Ausbildungsbetrieb eben solcher Leute, Neigungen, emotionale Regungen unterdrückend bis zur Selbstaufgabe. Auch gefüllt von spielenden Kindern, die krakelten, wenn ihre Mütter sich in den Läden unterhielten, übers Wetter, die Nachbarn, wer mit wem bei wem was und wie gemacht hatte, die Zeit hatten ihre Taschen abzustellen und dem Treiben zuzuschauen, die nur drei Brötchen kauften, die frisch waren und nicht einem Kühlregal entstammten, eingetütet und gebacken in fernen Ländern, von fernen Menschen mit fremder Sprache, die die Zutaten fürs Gebäck zugeteilt bekamen, mischten, buken und sich amüsierten, was diese fernen Verbraucher wohl für einen seltsamen Geschmack haben, so etwas zu essen, eingefroren, zu Millionen hergestellt, immer der gleiche Teig, die gleiche Form, die gleiche Anzahl, ohne persönlichen Anteil hergestellt und verschickt.

Aus dieser Zeit stammte diese geteilte Scheibe, gehörend zu einer Tür zu einem alten Laden, der, welch Wunder, überlebt hatte bis zu diesem Zeitpunkt, an dem ich ruckartig stehen blieb und gebannt war. Links daneben das Schaufenster hatte eine große Scheibe mit auch einem halbkreisförmigen Oberteil, wie es viele dieser ehemaligen Kolonialwarenläden besaßen, in denen man alles zu kaufen bekam, von Zwirn, über Mehl, Rosinen, Wäschestücke, losen Bonbons, die abgewogen und in Papiertüten verpackt wurden, hundert Gramm einen Groschen, bis zur aktuellen Zeitung, und das Neuste gab es gratis beim Einkaufen und Bezahlen oder Anschreiben, ganz wie es gewünscht wurde, so, wie das Einkommen es gerade ermöglichte, es waren ja keine Schulden, es war Anschreiben, es war normal, wichtig, sozial wichtig und gängig. Jetzt hing eine weiße Spitzengardine in halber Scheibenhöhe und verdeckte gekonnt die Sicht nach hinten. Lockte mich, neugierig gespannt, erinnerungsschwanger und hoffnungsvoll lüstern über die Straße, meinen Blick zu befriedigen, meinem unbekannten Gefühl gehorchend, einer Spannung folgend, die nur jung Verliebte kennen, die sich auf der Entdeckungsreise des anderen Körpers befinden, spielend, konzentriert.

Diese Tür war nicht zu ebener Erde, sondern über drei Steinstufen zu erreichen, die im Laufe der Jahrzehnte rundgetreten waren. Die erste Stufe war von der Last der rein- und rausgehenden Kunden, der Briefboten, Rechnungszusteller, Vertreter, Gerichtsvollzieher, ja, auch Gerichtsvollzieher, die sich erkundigten, wie oft und wie viele der oder die anschreiben ließen, manchmal aber auch, um zu pfänden, wenn der Laden nicht so lief, wie man es wollte, vom Hüpfspiel kleiner Mädchen und Jungen, die sich die Zeit vertrieben, während sich die Mütter über alles und nichts unterhielten, ausgearbeitet. Ausgearbeitet von sitzenden Verschnaufenden, die spät aus der benachbarten Kneipe heim torkelten und sich Kraft sammelnd für diese verdammte schwankende Welt niedergelassen hatten, um dann, getrieben vom doch mehr oder weniger vorhandenem schlechten Gewissen, doch ihren Gang wieder aufnahmen, Familienväter also, die manchmal den noch nicht ganz unterdrückten Freiheitstrieb folgend, Abwechslung in der Welt suchten, ab und zu auch Frauen, die ihren Kummer ob einer aufgegebenen Liebe, die sich nach leidenschaftlichen Nächten und Treueschwüren doch nur als Beischlafvergnügen eines rücksichtslosen Mannsbildes herausstellten, der eben mal Lust hatte, einen anderen und unbekannten Schoß zu gebrauchen, um dann, nach Abklingen des Entdeckerdrangs, reumütig an den heimischen Herd zurückzukehren, um Schwüre zitierend, seine Angetraute von seiner Unschuld zu überzeugen, und dann, früher oder später, wieder der Lust nach unbekannten Zwischenschenkelepisoden zu folgen. Abgeschabte Schuhe, neue, noch harte Sandaletten, Pantoffeln, die sich auszuziehen nicht lohnte, da der Weg in den Laden ein Bruchteil der Zeit in Anspruch nahm von dem, andere Schuhe anzuziehen, nackte Füße sicher auch, deren Schweiß sich einen Hauch dünn einätzte in den Stein, all das hatte die Stufe geformt und durch die Last war sie fast ein Drittel eingesunken in die Erde, auf der sie lag. So, als ob sie sagen wollte, dass sie alt ist, genug hat von der Last der darüber gestiegenen Schicksale, ruhen will, und nur noch unwillig ihren Rücken darbot demjenigen, der hinaufsteigen wollte. Es sind drei Granitstufen, deren Funkeln im Licht selbst nach dieser langen Zeit nicht nachgelassen hat, einem Funkeln, hervorgerufen durch unzählige Einschlüsse von Mineralien, gleichend den unzähligen Menschen und deren Geschichten, die diese Stufen genommen hatten. Nur bei Schneematsch oder Regenwetter erlischt es kurzzeitig, auch dann, wenn unzählige Schuhe den Schmutz des Lebens aufgetragen und das Glitzern abgestumpft hatten. Ein Eimer mit Kernseifenlauge, wer kennt heute im Zeitalter der Superreinigungswunder mit Superlangzeitversiegelungs-garantie eigentlich noch die angenehme und hautpflegende Wirkung dieser einfachen Mixtur, ja, hautpflegend anwendbar ohne säurefeste Gummihandschuhe, die verhindern sollen, nach dem Putzen den Hautarzt aufsuchen zu müssen, um seine übriggebliebenen Hautfetzen nachwachsend regenerieren zu lassen. Ein Wischtuch sorgte nach Ladenschluss, oder nach Sauwetter auch zwischendurch, für saubere Stufen. Handgewischt, handnachgewienert, handtrockengerieben, und dann den feuchten Lappen auf die erste Stufe gelegt, auf dass sich die werten Besucher des Ladens ihre Gehwerkzeuge abtreten sollten, um den Laden nicht auch noch in eine Schlammlache zu verwandeln. Und es funktionierte, teils ob der Technik, teils auch ob des Verständnisses der Leute für die Mühen eines mehrmaligen Wischens der Verkäuferinnen verteilt über den Tag. Reinigungsfirmen gab es nur vereinzelt, waren auch nicht nötig, man machte es selber, billiger und gründlicher. Alt waren sie, die Stufen, gebraucht und müde, aber ihr Funkeln hatten sie behalten, so wie die Augen alter Frauen ihr Funkeln behalten haben, ihre Frische und ihre Lebenslust, dass so im Widerspruch steht zu dem verwelkten Körper und von dem allzu oft negativ überstrahlt wird.

Jetzt, da ich genau vor der Tür stand, konnte ich diese geteilte Scheibe genau betrachten. Diese feine Stoßkante, als ob jemand mit einem Lineal einen feinen Strich gezogen hatte. Vier Scheiben waren es, eine obere Querscheibe und drei senkrechte, wobei die rechte die geteilte war.

Die dunkelgrüne Farbe der Tür war an mehreren Stellen eingerissen und hatte sich an den Rissrändern aufgewölbt, gab den Blick frei auf die darunter liegende Farbschicht, die ebenfalls dunkelgrün, aber von einer anderen Schattierung, etwas heller, war.

Die Türklinke aus Messingguss hatte vom vielen Anfassen und Drücken und Ziehen und Niederpressen fast die Form der zufassenden Hände angenommen. Menschen, die lange Jahre allein mit einem Hund zusammen leben, ähneln im Gesichtsausdruck ihrem tierischen Freund und er ihnen. Kann so etwas nicht auch bei alten Türklinken auftreten, eine Ähnlichkeit der Klinke zu der Resultierenden der unzähligen Händen.

Als ich sie niederdrückte fühlte ich es. Es gab zwei Druckpunkte. Der erste, als die Klinke den Schlossmechanismus erfasste und anfing ihn zu bewegen, zaghaft, so, als ob sie mir Zeit geben würde nachzudenken, ob ich es wirklich ehrlich meine, die Tür öffnen zu wollen, um mir dann zu sagen, los, mein Alter, da willst du doch rein, du musst dich bewegen, es ist deine Aufgabe, zu entriegeln, aufzumachen. Und der zweite, der das Schloss freigab und somit die Tür aufschwingen ließ, freilich erst zaghaft, etwas Kraft fordernd, dann zügiger, und den Blick freigab in einen Raum, wo runde Tische standen, jeder mit einem Stuhl. Eigenartigerweise wunderte es mich nicht, dass sie unverschlossen war, dass ich eintrat, so selbstverständlich eintrat, und die Tür von innen schloss, was leicht und fast wie von selbst ging.

Drinnen roch es nach frisch gebrühtem Kaffee und nach alter, aber sauberer Luft. Allem Anschein nach war es ein Café, ein Café in einem alten Kolonialwarenladen, ein Kolonialwarenladencafé, mit gebohnerten Holzdielen, rechts neben der Tür war eine Art Garderobe angebracht, mit Haken, auf dem einen hing eine in einer Holzstange eingeklemmte Tageszeitung, so in der Art, wie man sie noch vereinzelt bei Frisören findet, jeden Tag eine neue Zeitung, jeden Tag aktuell und zeitnah, gleich unter der Hutablage und neben dem Schirmständer.

Der Raum war auf den ersten Blick rechteckig, bis auf eine kleine Nischen, die aus dem Raum driftete, seine Form durcheinander brachte, die Ordnung unterbrach, wo auch eine Tür war, die ein Viertel offen stand und aus deren geöffnetem Schlitz das Geräusch von Geschirrklappern kam, das augenblicklich verstummte, genau in dem Augenblick, als ich es bewusst wahrnahm.

Eine kleine und etwas pummelige Frau erschien, zog ihre Schürze straff und sah mir direkt in die Augen, ohne Umschweife, ohne Neugierde, mit einem Ausdruck einer grenzenlosen Selbstverständlichkeit, dass ich, natürlich ich, wer denn sonst, von einer tobenden Straße einer der modernsten Industriestädte der Welt eben mal in ein Kolonialwarenladencafé des Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts einkehre, ohne Grund, ohne Lust auf Geselligkeit, ohne Ambitionen auf die Einnahme eines Frühstücks, verbunden mit dem zeitlosen Lesen der aktuellen Tagespresse, ohne darüber nachzudenken, was ich mache, einfach mal so die Tür mit der geteilten Scheibe öffne, eintrete.

 

 

 



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